Die Dreigliederungsbewegung – Eine Chronologie

Wie sind die Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Subsystemen von Ökonomie, Staat und Kultur so zu ordnen, dass Menschen als Mündige ihre sozialen Verhältnisse selbst gestalten können und der Komplexität und Differenziertheit der modernen Gesellschaft Rechnung getragen wird? Das ist die Kernfrage der sozialen Dreigliederung, die damit einen Beitrag dazu leisten möchte, Wege zum Verständnis und zur Gestaltung sozialer Prozesse zu erschließen. Die folgende Kurzchronologie soll einen Überblick über die Entwicklung dieses Arbeitsansatzes geben.

Die Dreigliederungsbewegung im engeren Sinne, die von R. Steiner inspiriert wurde, spielt sich in den Jahren 1917–1922, mit Höhepunkt 1919, ab. Sie hat aber eine lange Vorgeschichte, zu der das Aufkommen des Menschenrechtsgedankens und die Auseinandersetzung von Goethe, Schiller und Wilhelm von Humboldt mit der Französischen Revolution (ab 1789) gehören.

1893/94

Rudolf Steiner veröffentlicht eine „Philosophie der Freiheit“, die individuelle Wege zur Freiheit als Handeln aus Erkenntnis aufzeigt. Bei seinen späteren Werken zur sozialen Dreigliederung geht es darum, wie sich die Gesellschaft verändern muss, damit diese Freiheit in ihr gelebt werden kann.

1898

In zwei Aufsätzen „Freiheit und Gesellschaft“ und „Die soziale Frage“ in dem von ihm redigierten „Magazin für Literatur“ konstatiert er eine historische Tendenz zur Emanzipation des Einzelnen von der Herrschaft der alten Gemeinschaften (Soziologisches Grundgesetz) und fragt, wie sich Staat und Gesellschaft angesichts dieses Individualisierungsprozesses ändern müssen. Die Antwort, sinngemäß: Der moderne Staat muss für den einzelnen da sein, dessen Würde unantastbar und dessen Entwicklung zu fördern ist.

1905/06

R. Steiner, der an der Arbeiterbildungsschule unterrichtet hat und sei 1902 Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland ist, veröffentlich in der Zeitschrift „Lucifer-Gnosis“ drei Aufsätze „Geisteswissenschaft und soziale Frage“, in denen er sich u.a. mit der Frage gerechter Preisbildung auseinandersetzt und Einrichtungen zur Entkoppelung von Arbeit und Einkommen fordert, um die Arbeitsteilung sozial zu gestalten. Er formuliert als ein „Soziales Hauptgesetz“: „Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.“

1914

Der Erste Weltkrieg beginnt. Die Verquickung ökonomischer Interessen, staatlicher Macht und national-kultureller Bestrebungen spielt bei der Auslösung dieser „Urkatastrophe Europas“ eine verhängnisvolle Rolle. Die Reichsgründung in Deutschland 1871 hatte in Mitteleuropa einen uniformen Machtstaat geschaffen, der die Impulse der Blütezeit des mitteleuropäischen Geisteslebens überrollt hatte – ein großes Thema in Steiners Vorträgen in der Kriegszeit. Bereits vor dem Krieg hatte sich die Anthroposophische Gesellschaft von der Theosophischen gelöst, 1913 war dann der Grundstein für das „Goetheanum“ in Dornach/Schweiz gelegt worden.

1917

Der eigentliche Versuch, soziale Ideen und Impulse in das gesellschaftliche und politische Leben einzubringen, datiert auf das Jahr „Epochenjahr“ 1917, – das gleiche Jahr, in dem Steiner Resultate jahrzehntelanger Forschung über die Dreigliederung des menschlichen Organismus in dem Büchlein Von Seelenrätseln publiziert. Steiner verfasst, ausgelöst durch die Anfrage eines seiner Anhänger, zwei Memoranden, die man in Wien und in Berlin zu platzieren versucht, um auf der Grundlage einer Neugliederung – mit selbstständigem Kulturparlament, politischem Parlament, Wirtschaftsparlament und einem gemeinsamen Senat für Koordinationsaufgaben – zu einer mitteleuropäischen Friedensinitiative zu kommen. Sie soll zugleich den Parolen des US-amerikanischen Präsidenten Wilson und des russischen Revolutionsführers Lenin den Wind aus den Segeln nehmen. Es kommt zu Gesprächen mit verschiedenen politisch relevanten Persönlichkeiten (wie dem Staatssekretär des Äußeren, Richard von Kühlmann, und dem Prinzen Max von Baden).

1918/1919

Nach dem militärischen Zusammenbruch und der Novemberrevolution wird dann – nicht ohne zeitweilige Erfolge insbesondere im Südwesten Deutschlands – der Versuch unternommen, eine breite Volksbewegung für eine soziale Erneuerung durch gesellschaftliche Gliederung zu schaffen, deren Inhalte Steiner zunächst in Vorträgen in der Schweiz darstellt.

Februar/März 1919

Ein „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“ wird lanciert und von einer Reihe von Prominenten unterschrieben (unter ihnen der Dichter Hermann Hesse, der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck, der Philosoph Paul Natorp und der Sozialpolitiker Hugo Sinzheimer). In dem Aufruf heißt es: „Die sozialen Gemeinschaften haben sich bisher zum größten Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewusstsein zu durchdringen, wird Aufgabe der Zeit.“

22.4.1919

Es bildet sich ein überparteilicher Bund für Dreigliederung mit zahlreichen Ortsgruppen. Man gibt eine Zeitschrift heraus, die letztlich zur Tageszeitung werden soll. Man schaltet sich in die Diskussion um die Betriebsräte ein, die man als potenzielle Organe betrieblicher und überbetrieblicher Selbstverwaltung des Wirtschaftslebens sieht.

Während diese Initiative aufgrund des Echos, die sie besonders in dem auf die USPD orientierten Teil der Arbeiterschaft findet, zunächst gut vorankommt, bleiben die Versuche, analog eine Selbstverwaltung des Kulturlebens in Gestalt eines Kulturrates zu inaugurieren, im Ansatz stecken. Zu den Aktivitäten gehört auch der – gescheiterte – Versuch, durch die Publikation der Memoiren des ehemaligen deutschen Generalstabschefs Moltke Einfluss auf die Versailler Verhandlungen zu nehmen.

28.4.1919

Steiners Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft“ erscheint.

1919/1920

Nachdem sich die Verhältnisse Mitte des Jahres 1919 wieder verfestigt haben, gehen die unmittelbar ins Gesamtgesellschaftliche zielenden Aktivitäten zurück. Man setzt nun mehr auf „Musterinstitutionen“, die beispielhaft wirken und damit einen längerfristigen Transformationsprozess begünstigen sollen.

7.9.1919

Zu ihnen gehört die erste Waldorfschule. Sie wurde am 7. September 1919 gegründet. Der Impuls dazu, bei dem der Stuttgarter Unternehmer Emil Molt eine wichtige Rolle spielte, hatte sich bereits im April 1919 im Rahmen der Dreigliederungsbewegung ergeben.

13.3.1920

Zu den „Musterinstitutionen“ gehört auch der Unternehmensverbund Der Kommende Tag AG, der allerdings im Gegensatz zur Schule letztlich scheitert.

1920

Ein vorerst letzter Versuch des Eingriffs in den historischen Prozess ist die sogenannte Oberschlesische Aktion – im Zusammenhang mit der vom Völkerbund angesetzten Abstimmung über die Zukunft Oberschlesiens. Nicht zuletzt die massive Gegenwehr von rechtsradikaler Seite lässt diese Initiative jedoch nicht zur Entfaltung kommen.

1922

Nachdem klar ist, dass auf absehbare Zeit keine Möglichkeiten einer gesamtgesellschaftlichen Umgestaltung mehr vorhanden sind, wird die Bewegung bewusst eingestellt – in der Entwicklung der Anthroposophie ergeben sich zunächst andere Schwerpunkte. Zugleich wird das Thema als solches vertieft, beispielsweise in Steiners 1922 gehaltenem Ökonomischem Kurs.

1925

Nach Steiners Tod (1925) behindern lange Zeit innere Konflikte in der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung eine Weiterentwicklung des anthroposophischen Sozialimpulses. Die Zerschlagung aller freiheitlichen gesellschaftlichen Erneuerungsansätze durch den Nationalsozialismus drängt ihn dann in Mitteleuropa vollends zurück.

1945

Nach 1945 spielte der Arbeitsansatz der sozialen Dreigliederung eine gewisse Rolle als Orientierungsgedanke bei der Entwicklung von Institutionen auf verschiedenen Arbeitsfeldern der Anthroposophie.

1968/1989/1999

Erst die 68er Bewegung, der europäische Umbruch von 1989 und schließlich die Auseinandersetzung um die Gestaltung der Globalisierung haben zu einer Neubelebung des Interesses an der sozialen Dreigliederung als gesamtgesellschaftlichem Ansatz geführt.

2019

Auch der 100. Jahrestag der Volksbewegung in Südwestdeutschland lenkt erneut Aufmerksamkeit auf das Thema „Dreigliederung des sozialen Organismus“.

Christoph Strawe

Institut für soziale Gegenwartsfragen e.V., Libanonstr. 3, 70184 Stuttgart

www.sozialimpulse.de

 

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