Praktische Ansätze und Perspektiven sozialer Dreigliederung

Die Dreigliederungsimpulse der Jahre 1917 bis 1922, mit dem Höhepunkt 1919, haben zwar nicht zu der angestrebten gesamtgesellschaftlichen Transformation geführt, aber doch langfristige Wirkungen hervorgebracht, indem sie bis heute von Menschen und Menschengruppen aufgegriffen, weiterentwickelt und in praktisches Handeln umgesetzt wurden. Daran kann für die Zukunft angeknüpft werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von der Nazi-Barbarei entstanden nach und nach zahlreiche anthroposophische Einrichtungen. Das wurde auch möglich durch eine größere Offenheit der Rechtsordnung für freie Initiativen. Man denke an das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland von 1949 mit der Menschenwürde als oberstem Grundsatz, freier Entfaltung der Persönlichkeit, Recht auf Gründung freier Schulen, Sozialbindung des Eigentums, Ermöglichung von Formen der Gemeinwirtschaft, Unantastbarkeit der Grundrechte in ihrem Wesensgehalt und viele andere „dreigliederungsfreundliche“ Elemente.

Jede Waldorfschule, jedes anthroposophische Krankenhaus und jede heilpädagogische und sonstige Einrichtung, die sich in ihrer Sozialgestalt am Selbstverwaltungsgedanken der Dreigliederung orientiert und eine kollegiale Führung praktiziert, stellt ein gelebtes Beispiel für soziale Dreigliederung, zunächst auf der mesosozialen Ebene, dar. Das gilt auch für Jugend- und Kulturzentren wie das Forum 3 in Stuttgart oder das Forum Kreuzberg in Berlin.

Zu der Fülle von Einzel-Einrichtungen, die in dieser oder jener Form mit der sozialen Dreigliederung verbunden sind, gehören auch Initiativen im Krankenversicherungswesen (Samarita, Artebana), Pensionskassen (Hannoversche Kassen in Deutschland, die Coopera-PUK in der Schweiz) u.a. Auch das Entstehen einer Reihe freier Hochschulen (Freie Hochschule Stuttgart, Alanus-Hochschule, Univ. Witten-Herdecke, Cusanus-Hochschule u.a.) wäre ohne den Dreigliederungsimpuls so nicht denkbar. Sie alle haben aber auch zu kämpfen, um ihre Selbstständigkeit zu behaupten.

Neben Beispielen aus dem Geistesleben sind Einrichtungen im Wirtschaftsleben zu nennen, die Elemente „assoziativer“, d.h. solidarischer, Ökonomie zu verwirklichen suchen (z.B. Oikopolis, der Coopera-Verbund oder biore). Zahlreiche dieser Initiativen sind zugleich auch mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft verbunden, die wohl bekannteste ist SEKEM in Ägypten. Banken wie GLS und Triodos praktizieren einen nachhaltigen und sinnhaften Umgang mit Geld, Stiftungen wie die Edith Maryon Stiftung und die Stiftung trias kümmern sich um Bodenrecht und Wohnen. Großunternehmen wie die dm Drogeriemärkte gehen neue Wege „dialogischer Führung“. Auch die Arzneimittel-und Kosmetikfirmen Weleda und Wala sind zu nennen.

Dass nicht nur Waren und Dienstleistungen, sondern auch Verfügungsrechte – Unternehmen, Geldkapital, Grund und Boden sowie Arbeit – käuflich sind, wird in der Dreigliederung als wesentliche Ursache der wachsenden sozialen Ungleichheit auf unserem Planeten betrachtet. An der Dreigliederung orientierte Unternehmer brachten ihre Unternehmensanteile in Stiftungen ein wie die Mahle-Stiftung, die Rudolf-und-Clara-Kreutzer-Stiftung, die Software-AG-Stiftung und andere. Gegenwärtig sucht z.B. die Stiftung Purpose nach neuen Wegen zur Schaffung sich selbst gehörender Unternehmen.

Einen Aufschwung nahm die Dreigliederungsbewegung in den 1968er Jahren. Jetzt wurde der Dreigliederungsgedanke wieder in seiner gesamtgesellschaftlichen Dimension aufgegriffen. Wilfried Heidt und Peter Schilinski begründeten 1971 mit anderen zusammen in Achberg ein Internationales Kulturzentrum (INKA). Es war als Forum der Begegnung zwischen allen ausgelegt, die einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Staatssozialismus suchten. Zu denen, die an den Tagungen mitwirkten, gehörten ab 1973 Prager Reformer wie Ota Šik. Man erkannte eine Verwandtschaft zwischen der Idee eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz und der sozialen Dreigliederung. Zu den Teilnehmern an den Achberger Aktivitäten gehört auch der Künstler Joseph Beuys, der sich vehement für die Dreigliederung einsetzte, z.B. in einem Aufruf „Die Alternative“, den er 1978 als Europakandidat der Grünen in der Frankfurter Rundschau veröffentlichte. Auch andere Aktivisten der Dreigliederung wie z.B. Gerald Häfner, engagierten sich im Gründungsprozess der Grünen.

Auf der Dokumenta 5 in Kassel 1972 hatte Beuys ein „Büro für direkte Demokratie“ ausgestellt. Von den Achberger Dreigliederern gingen wichtige Impulse für die Demokratiebewegung aus, die Idee der dreistufigen Volksgesetzgebung wurde dort entwickelt. Die Demokratiebewegung, getragen von Organisationen wie Mehr Demokratie e.V. und dem Omnibus für direkte Demokratie reicht heute weit über die Dreigliederungsszene hinaus und hat eine Reihe von politischen Erfolgen erzielt – allerdings steht die Durchsetzung des bundesweiten Volksentscheids noch aus.

1989 brachte der Rechtsanwalt Rolf Henrich den Dreigliederungsgedanken als Alternative zum Staatssozialismus ein. Er wurde Mitbegründer des Neuen Forums in der DDR. Die Bürgerbewegung von 1989 knüpft wiederum an den Prager Frühling an. Der Umbruch von 1989 bringt Rückenwind für Dreigliederungsbestrebungen. In Stuttgart wird eine bis heute bestehende „Initiative Netzwerk Dreigliederung“ ins Leben gerufen.

Ging es damals um die Dreigliederung als Alternative zum vormundschaftlichen Staat, so rückte 10 Jahre später die Übergriffigkeit einer finanzmarktgetriebenen Ökonomie gegenüber Demokratie und Kultur in den Focus zivilgesellschaftlichen Engagements. Anlass für das Entstehen einer weltweiten globalisierungskritischen Bewegung war eine Konferenz der Welthandelsorganisation WTO in Seattle 1999. Damals versucht der philippinische Aktivist Nicanor Perlas, der später den Alternativen Nobelpreis erhielt, Elemente der Dreigliederung für das Verständnis der Aufgaben der Zivilgesellschaft im Kampf gegen die „elitäre“ Form der Globalisierung fruchtbar zu machen. Er setzte Initiativen in Gang, die „Kulturkraft“ der Zivilgesellschaft mit Repräsentanten der Ökonomie und das Staates an den runden Tisch der „trisektoralen Partnerschaft“ zu bringen, um soziale Probleme unter Berücksichtigung der Eigengesetzlichkeit der drei Subsysteme gemeinsam zu bearbeiten. Zahlreiche Aktive der Dreigliederung brachten sich in die Bewegung für eine gerechte Gestaltung der Globalisierung ein und wirkten z.B. bei Weltsozialforen mit.

Es fehlt hier der Raum, auch nur annähernd all den vielen Initiative gerecht zu werden, die mit den Methoden der sozialen Dreigliederung arbeiten. Der „Markt der Möglichkeiten“ bei dieser Tagung gibt die Gelegenheit, wenigstens eine Reihe davon näher kennenzulernen. Einige Beispiele für Arbeitsfelder seien hier noch aufgeführt: Da sind zu nennen Organisationsentwicklung, Konfliktmanagement und Qualitätsentwicklung. Weder das Instrument der „Europäischen Bürgerinitiative“ noch die EU-Bio-Verordnung wäre ohne das Engagement von Menschen, die mit der Dreigliederung umgehen, möglich gewesen. Aus der Dreigliederungsszene heraus wurden Vorschläge zur europäischen Verfassungsentwicklung gemacht. „Dreigliederer“ erstritten das Finanzhilfeurteil des Bundesverfassungsgerichts zur Finanzierung freier Schulen, wirken bis heute aktiv in der Regionalgeldbewegung mit, machten Vorschläge zur Steuerreform, zur sozialen Sicherung unter Globalisierungsbedingungen und zur Reform des Gesundheitswesens. Viele sind aktive Mitstreiter in der Bewegung für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Nicht zu vergessen ist auch Arbeit der Institute, die Sozialforschung und Fortbildung betreiben.

Ausblick: Die brennenden sozialen und ökologischen Probleme der Gegenwart reichen von der drohenden Klimakatastrophe über die himmelschreienden weltweiten Gegensätze von Arm und Reich, die zunehmenden Verstöße gegen Demokratie und Menschenrechte, neuen Chauvinismus und Rassismus bis zu den Gefahren für die Menschlichkeit, die von den Versuchen ausgehen, auf technischem Wege den Übermenschen zu kreieren. All diese Probleme werden sich nicht ein für allemal, schon gar nicht von selbst lösen. Ihre Bewältigung wird immer neu bewusste Gestaltung und verantwortliches Zusammenwirken erfordern. Ein „einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt“ heißt es in Goethes Märchen. Je mehr der Schulterschluss von vielen verschiedenen Strömungen der Zivilgesellschaft und das Bündnis mit innovativ denkenden Menschen in Wirtschaft und Politik gelingt, umso eher wird Kraft entstehen, die Verhältnisse so zu verändern, dass sie der Entwicklung der Menschlichkeit mehr Raum geben.

Christoph Strawe

Institut für soziale Gegenwartsfragen e.V., Libanonstr. 3, 70184 Stuttgart
www.sozialimpulse.de

 

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