Was ist Dreigliederung des sozialen Organismus?

Im Sinne der „Dreigliederung des sozialen Organismus“ sind gesellschaftliche Prozesse entsprechend ihrem unterschiedlichen Wesen zu gliedern. Zum Beispiel: Leistungen werden sowohl von einer Schule wie von einer Teigwarenfabrik erbracht. Während für eine gedeihliche Beziehung zur Schule Vertrauen zum Leistungserbringer (dem Lehrer) notwendig ist, ist es von untergeordneter Bedeutung, wer an der Teigwarenmaschine steht. Für beide Bereiche, die Schule wie für die Fabrik ist ein rechtlicher Rahmen wichtig, der festlegt, was bei der Gestaltung der Arbeits- und Anstellungsverhältnisse zu beachten ist. Die Schule zählen wir zum Geistesleben, die Teigwarenfabrik (und die KonsumentInnen der Produkte) zum Wirtschaftsleben. Grundlage für beide ist das Rechtsleben. Für diese drei „Glieder“ gelten unterschiedliche Gestaltungsprinzipien – in der Reihenfolge der drei erwähnten Bereiche: Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit.

Gliedern statt vermischen

Unternehmen gelten dann als erfolgreich, wenn sie fokussieren, sich auf ihr „Kerngeschäft“ konzentrieren. Denn dann kennen sie ihre Produkte und Kunden und sind mit den geeigneten Verfahren vertraut. Mischkonzerne gelten dagegen als schwierig zu führen. Der Staat ist eine Art Mischkonzern. Er gibt vor, alles leisten zu können, von der Schule bis zur Müllentsorgung, von der Forschung bis zur Verkehrsplanung, vom Gesundheitswesen bis zur Polizei.

Gewiss, die Gesellschaft ist kein Unternehmen. Hier kommen sogar noch einige Herausforderungen hinzu. Umso weniger kann eine Hansdampf-in-allen-Gassen-Mentalität des Staates und der Politik den Anforderungen gerecht werden. Gliederung ist notwendig.

Wie gliedern?

Gehen wir von der eigenen Erfahrung aus! Unter welchen Voraussetzungen kann ich mich als beitragendes und empfangendes Mitglied in der Gesellschaft bewegen?

Kompetenz und Vertrauen. Es gibt offensichtlich Zusammenhänge, in denen Vertrauen zu anderen Menschen beziehungsweise zu deren Leistungen besonders wichtig ist. Ich lasse mich ungern irgendeinem mir unbekannten Arzt zuweisen. Wenn ich den Rat oder die Vertretung eines Rechtsanwalts oder einer Anwältin brauche, muss ich zu diesem oder dieser Vertrauen entwickeln können. Für mein Kind möchte ich den Lehrer beziehungsweise die Lehrerin oder die Schule kennen und wählen können. Gemeinsam ist all diesen Beziehungen das Vertrauen in den Menschen, das Individuum und seine Kompetenz. Gemeinsam ist ihnen auch, dass nur ich selber Vertrauen entwickeln kann. Deshalb ist mir die Freiheit der Wahl wichtig.

Bedürfnisse und Leistungen. Es gibt andere Zusammenhänge, in denen meine eigenen, individuellen Ansprüche denjenigen vieler anderer gleichen. Wenn ich mit der Bahn fahre, möchte ich Pünktlichkeit. Wenn ich Früchte kaufe, möchte ich, dass sie gesund produziert, reif und schmackhaft sind. Wenn ich ein Notebook kaufe, möchte ich, dass später bei Problemen auch jemand verantwortlich ist. All diese Wünsche teile ich mit vielen anderen. Müsste ich nicht mit diesen in Beziehung treten – und wir alle zusammen mit den Produzenten, um zu sehen, wie die gewünschten Leistungen uns am ehesten zukommen können?

Unversehrtheit und Sicherheit. In einem dritten Zusammenhang spielen nicht Individualität und Vertrauen, auch nicht die Gemeinsamkeit der Wünsche und Interessen mit anderen eine Rolle, sondern dasjenige, was ich mit allen Menschen gemeinsam habe. Da ist zum Beispiel das Bedürfnis nach Unversehrtheit: ich muss – wie alle anderen Menschen – die Gewissheit haben, dass ich körperlich und seelisch nicht unter Druck gesetzt werde. Ich muss die Gewissheit haben, in einer Umwelt leben zu können, die meine Gesundheit nicht mit Lärm, Abgasen und verschmutztem Wasser bedroht. Ich muss die Sicherheit haben, dass ich mich ohne nachteilige Folgen frei äußern kann.

Damit sind drei Zusammenhänge aufgezählt. Den Ausdruck „Zusammenhang“ ist hier bewusst gewählt, denn es gibt einerseits einen strukturellen Aspekt – eine Struktur oder einen Bereich, der Schulen, Forschungseinrichtungen und Dokumentationszentren und so weiter umfasst. Andererseits sind es intellektuelle, geistige Fähigkeiten, die beispielsweise von einem Tischler eingesetzt werden, wenn er Pläne liest und mit Geschick Maschinen und Werkzeuge handhabt, um ein Möbelstück zu erzeugen. Diese Fähigkeiten haben funktionalen Charakter. Die Struktur mit ihren Einrichtungen dient beispielsweise dem Erlernen des Handwerks (des Tischlers), dessen Weiterentwicklung und dem Studium von Verfahren. Die Einrichtungen sind einem Bereich zugehörig, der mit den geistigen Fähigkeiten des Menschen zusammenhängt. Wir bezeichnen ihn als Geistesleben.

Das Produkt, das der Tischler herstellt, geht als wirtschaftliche Ware zum Kunden. Damit gelangen wir ins Wirtschaftsleben. Hier wird ein Bedürfnis befriedigt, das Bedürfnis nach dem Möbelstück. Den dritten Bereich, der oben erwähnt wurde, nennen wir Rechtsleben.

Was sich zwischen Verkäufer und Käufer des Möbels entwickelt, ist ein Vertragsverhältnis. Dieses hat rechtlichen Charakter, ist aber, weil es sehr individuell geprägt und frei gestaltbar ist, kein typisches Verhältnis dessen, was wir als Rechtsleben bezeichnen. Das Rechtsleben im Sinne des öffentlichen Rechts bildet gewissermaßen die Grundlage allen Rechts.

Jeder dieser drei skizzierten Bereiche verlangt nach je eigenen Prinzipien der Gestaltung und Führung.

Prinzipien der Gestaltung und Führung

Bei dieser Aufzählung beginnen wir mit dem Rechtsbereich. Denn dieser bildet für alle Aktivitäten des Geisteslebens und des Wirtschaftslebens die Grundlage oder den Rahmen. Die Verfahren der Gesetzesentwicklung sind bekannt. Sie werden unter dem Stichwort „Demokratie“ zusammenfasst. Das Gebiet, in welchem die demokratisch festgelegten Regeln gelten, können wir (wie heute) als Staat bezeichnen. Was demokratisch zu entscheiden ist, soll oder kann hier nicht abschließend aufgezählt werden. Herausgenommen aus staatlichen Entscheidungsprozessen ist alles, was den Bereichen Geistesleben und Wirtschaftsleben obliegt. Gesetze mögen die allgemeine Schulpflicht regeln, nicht aber die Lehrpläne. Sie müssen das Arbeitsrecht bestimmen und Umweltgesetze verabschieden, nicht aber Qualitätsvorschriften erlassen.

Die Schule ist ein Lieblingskind der Politik. Aspekte des Geisteslebens seien deshalb anhand dieses Beispiels illustriert. Oben war bereits von Kompetenz und Vertrauensverhältnis die Rede. Diese zentralen Voraussetzungen sind nur zu gewährleisten, wenn diejenigen, welche unmittelbar involviert sind, ihre Ziele und den Weg dazu kooperativ und selbstverwaltend erarbeiten. Ob in einem individuellen Fall Integration in eine „normale“ Schulklasse oder eine individuell abgestimmte Förderung richtig ist, können nur die direkt Beteiligten entscheiden. Kann in einer bestimmten Institution keine Lösung gefunden werden, müssen die Eltern die Freiheit haben, andere Erziehungseinrichtungen zu wählen. Selbstverwaltung, Kooperation, Wahlfreiheit sind somit – im Geistesleben allgemein – konstituierende Voraussetzungen.

Dass Freiheit als zentrale Voraussetzung für das Wirtschaften angesehen wird, ist so etwas wie eine historische Verwechslung. Selbstverständlich ragt auch ein Unternehmen in den Bereich des Geisteslebens hinein, nämlich dann und so lange, wie es um die Entwicklung von Ideen in Bezug auf Produkte und Verfahren geht. Wo es hingegen um diejenigen geht, die vom heutigen Marketing als Objekte angesehen und behandelt werden (Konsumentinnen und Konsumenten), führt Freiheit zur Maßlosigkeit mit all ihren zerstörerischen Folgen, welche unsere aktuelle Situation kennzeichnen. In der Wirtschaft gibt es durchaus Ansätze der Kooperation – nicht zuletzt in der Form von Kartellen. Diese zwar sind als Interessenbündelung zu Lasten Dritter aus gutem Grund verboten. Dass aber Absprachen zwischen allen Wirtschaftspartnern einschließlich der Verbraucher mit dem Ziel des Interessenausgleichs ebenso verboten sind und verfolgt werden, kann nur als Ausdruck ideologischer Verbohrtheit betrachtet werden: Wo Konkurrenz sakrosankt erscheint, wird die Zusammenarbeit zur Vermeidung ruinöser Konkurrenz, das heißt zur Vermeidung von Verschwendung oder Missbrauch von Ressourcen, zum Kapitalverbrechen. Wie wäre es, wenn Kartelle einem Transparenzgebot unterliegen würden und mit ihren Auftraggebern (Kunden) offen verhandeln müssten? Dann wäre ein Prozess in Gang gesetzt, der in die Richtung einer assoziativen Wirtschaft führt, wie Rudolf Steiner dies nannte.

Welches Verhältnis haben die drei Bereiche zueinander?

Es ist ganz offensichtlich, dass das Gebiet, auf welches sich das Rechtswesen erstreckt, genau definiert sein muss. Wenn ich auf der Straße des einen Staats rechts fahren muss, im anderen Staat links, dann muss klar sein, wo genau was gilt.

Das Geistesleben hat im Unterschied dazu keine Grenzen. Es gibt keine nationalen naturwissenschaftlichen Gesetze. Religionen und Konfessionen überschreiten Grenzen, ebenso Sprachen und Ethnien. Ähnliches gilt für die Wirtschaft. Schon heute kann man Wirtschaft eigentlich nur global verstehen.

Es gibt sowohl im Geistesleben wie im Wirtschaftsleben Organisationen, die lokal oder regional wirken, andere global. Man denke nur an die Landwirtschaft (regional) und den Handel mit Weizen oder Soja (global). Erziehung in einem ethnischen und sprachlichen Minderheitengebiet ist regional aktiv, die Pharma-Industrie global. Heute wird dies zum Problem, beispielsweise wenn ein internationaler Konzern Standorte schließt und in Billiglohnländer verlagert. Keine nationale Regierung und keine nationale Gewerkschaft kann dagegen etwas unternehmen. Mit starken über Grenzen hinweg agierende Assoziationen und Gewerkschaften, gäbe es Chancen für Verhandlungslösungen. Dass die Egoismen der reichsten Länder jeweils obsiegen würden, wäre dabei allerdings nicht gewährleistet. Internationale Solidarität ist nicht gleichbedeutend mit dem Schutz der am besten Verdienenden.

Weil jeder der drei Bereiche auf verschiedensten Ebenen eigene Organe entwickelt, gibt es eine Vielzahl von Kontakt- und Kooperationsmöglichkeiten über die „Grenzen“ von Geistes- und Wirtschaftsleben hinweg, die der Problemlösung dienen können. Ansätze in dieser Richtung sind bereits heute vorhanden. Keine gesellschaftliche Gestaltungsidee und kein soziales Modell kann und darf jedoch Institutionen und Lösungswege im Einzelnen vorzeichnen und vorschreiben.

Die „Dreigliederung des sozialen Organismus“ ist ein Entwicklungsweg derjenigen, die nach gesellschaftlichen Lösungen im Sinne von Freiheit, Gleichheit und Solidarität suchen. Sie ist keine Garantie für diejenigen, welche derzeit durch immer weitergehende Zentralisierung aller gesellschaftlicher Funktionen ihre Macht fortwährend ausbauen.

Matthias Wiesmann

Wiesmann&Wiesmann. Oberkirchstr. 15, 8500 Frauenfeld / Schweiz

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